Annica Hansen ist kein klassisches Reiterkind. Sie kommt nicht aus einer Reiterfamilie, hat sich als kleines Mädchen an eine Koppel geschlichen, um ein schwarzes Pferd zu füttern. (Bitte nicht nachmachen, wie sie selbst heute sagt.) Irgendwann folgten die ersten Schulpferdestunden, Stallarbeit gegen Reitstunden, Pflegepferd, Reitbeteiligung. Mit Mitte 20 kam Wölbchen in ihr Leben, zunächst als Reitbeteiligung, ein Jahr später als eigenes Pferd. Was sie damals nicht wusste: dieses Pferd würde ihr ganzes Leben verändern. Ihren Job, ihren Wohnort, ihren Blick auf die Pferdewelt.
Annica stand schon früh als Model und Moderatorin in der Öffentlichkeit, aber mit Wölbchen erarbeitete sie sich auch in der Pferdewelt eine große Reichweite. Sie moderierte den CHIO, gründete die Marke Ponyliebe und teilte ihr Leben mit den Pferden auf Instagram und YouTube. In dieser Folge von Psycholohü erzählt sie, was dahinter war. Und was sich geändert hat.
Das komplette Gespräch findest du hier:
„Das hat mir versaut, was Pferde für mich waren“
Für Annica waren Pferde von Anfang an ein sicherer Ort. Kein Leistungsdruck, kein Erfolgsdrang, einfach Zeit mit Tieren verbringen. Ihr erstes Pflegepferd, ein großer weißer Schimmel namens Demokrat, hatte vor allem Angst. Annica hatte keinen Zeitdruck mit ihm, saß mit ihm an Teichen, zeigte ihm die Welt in kleinen Schritten.
Dann kam Wölbchen, mit ihr Turniere, dann kam der Vergleich mit anderen. Annica beobachtete, wie Menschen um sie herum ehrgeizig waren, Erfolge feierten, vorankamen. Und das machte etwas mit ihr. „Vergiftet ist ein großes Wort, aber das hat mir eigentlich das, was Pferde für mich waren, so ein bisschen versaut.“ Sie stieg in einen Zug ein, aus dem sie sich nach eigener Aussage gefühlte Jahrzehnte gebraucht hat auszusteigen. Heute sind die Pferde für sie wieder das, was sie ganz am Anfang waren: ein sicherer Ort. Seit der Veränderung ist Annica wieder durchlässig dafür geworden, was die Tiere ihr geben: „Meine Pferde berühren mich im Moment auf einer Ebene, die so krass ist.“
Das Umdenken kam für sie erst mit dem eigenen Hof – und mit ihrer Stute Cobie. Die hatte körperliche Themen, spielte in Annicas System irgendwann einfach nicht mehr mit. „Sie hat in meinem Supersystem nicht mehr funktioniert.“ Das war eines der Puzzleteile, kombiniert mit Coaching, das ursprünglich fürs Business gedacht war und dann tief in den persönlichen Bereich ging, das vieles ins Rollen brachte.
Ego, Überlebensmechanismen und was wirklich dahinter steckt
Ein großes Thema im Gespräch ist das Ego und warum wir so viel dafür tun. Annica ist da ehrlich: Bei ihr waren es natürlich auch Ego-Themen. aber vor Allem tiefere Überlebensmechanismen. Sie ist früh ausgezogen, hat sich sehr früh selbst versorgt, hat gelernt, dass Leistung Sicherheit bedeutet. Über Perfektion, über Anpassung, über Funktionieren hat sie sich einen stabilen Platz in der Welt gebaut. „Ich habe das einfach für mich perfektioniert“ ohne böse Absicht, aber auch lange ohne es zu bemerken. Ein Muster, das vielen Selbstständigen in der Pferdebranche vertraut sein dürfte: Man funktioniert, liefert, passt sich an… und fragt sich irgendwann, wann das eigentlich aufgehört hat, sich richtig anzufühlen.
Annica empfiehlt dafür einen konkreten ersten Schritt: einen Wertetest. Den macht sie mindestens einmal im Jahr: für ihr Leben insgesamt, aber auch situationsspezifisch, wenn sie an einem Projekt arbeitet oder mit einer Entscheidung hadert. Ihre wiederkehrenden Werte: Integrität, Ehrlichkeit, Leidenschaft, Authentizität, Selbstbestimmung. Interessant: Den Test speziell für ihre Pferde hat sie noch nie gemacht, das war ihr kleiner Aha-Moment im Gespräch. Vielleicht ist das also auch eine Hausaufgabe für dich: Was sind deine Werte im Umgang mit deinem Pferd? Den Test findest du hier.
Ein Plädoyer für Verletzlichkeit
Als Annica anfing, öffentlich über ihre Veränderung zu sprechen, über das Umdenken, die Fehler, die Reise, erwartete sie Gegenwind. Was sie stattdessen erlebte, beschreibt sie als absolute Befreiung:
„Man ist verletzlicher, viel verletzlicher, aber gleichzeitig hat man wie so einen magischen Schutzschild, man muss Dinge ja nicht mehr managen, schönreden, erklären, verteidigen.“
Vorher hatte sie sich gegen Kritik verteidigt, die im Rückblick berechtigt war. Ihr Bauchgefühl wusste, dass etwas nicht stimmte und genau deshalb kostete die Verteidigung so viel Kraft. Seitdem sie konsequent nach ihren Werten lebt, ist sie manchen Menschen zu direkt, zu unbequem geworden. Aber sie hat keinen Stress mehr damit, wenn jemand sie nicht mag. „Das ist ja die echteste, klarste, nackteste Variante von mir, die es geben kann.“
Das gilt weit über Social Media hinaus. Wer sich im Beruf, in der Zusammenarbeit mit Kunden oder im eigenen Auftreten verbiegt, kennt das Gefühl: Man investiert enorm viel Energie darin, eine Version von sich aufrechtzuerhalten, die nicht ganz stimmt. Die Alternative, die eigene Wahrheit zeigen, fühlt sich zuerst riskanter an. Aber sie ist auf Dauer weniger erschöpfend. Und vielleicht steckt da sogar mehr Verbindung drin, als wir denken: „Wofür sind wir denn auf der Welt, wenn nicht um uns gegenseitig zu berühren?“
Was sich bei den Pferden verändert hat
Den konkreten Wandel beschreibt Annica mit einem Wort: Leichtigkeit. Sie hatte jahrelang Angst im Sattel, trotz Coachings, mentalem Training, Hypnose. Nichts half dauerhaft. Heute glaubt sie, dass diese Angst kein zufälliges Symptom war. Ihr Bauchgefühl wusste, dass ihr Pferd nicht in Ordnung war. Und gleichzeitig hat sie permanent ihre eigenen Grenzen überschritten um mehr zu leisten, „besser“ zu reiten, erfolgreicher zu sein.
Heute sieht das anders aus. Sie hat immer noch neue Ideen, neue Projekte, brennt für ihre Arbeit, aber sie hat gelernt, dass es auch Bereiche geben darf, in denen sie einfach nichts muss. Wenn sie und Cobie beide einen komischen Tag haben, setzt sie sich auf den Zaun und verbringt einfach nur Zeit mit ihrem Pferd. Und das reicht dann manchmal.
Jetzt reitet sie am halblangen Zügel aus, erzählt beim Traben, lacht. Ein Video davon hat sie zum Weinen gebracht, weil sie sich an Zeiten erinnert, in denen sie keine 20 Schritte vom Hof kam, ohne fast in Panik zu geraten. Dieser Moment ist für sie ein Meilenstein: Kein Wettkampfergebnis, keine Schleife. Einfach Freude, die sich echt anfühlt.
Mach jetzt den Wertetest für deine Pferde. Was kommt dabei raus? Teile deine Werte in den Kommentaren unter diesem Beitrag oder auf Instagram unter dem Beitrag zur Folge.
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